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Vorexkursion nach Waldmünchen

sdr

Das P-Seminar „Geschichte erfahrbar machen“ der Q11 führte vom 26.4. bis um 29.4.2018 unter der Leitung von Frau Heil und Herrn Kufner und in Begleitung des Mountainbike Wahlkurses von Herrn Schmeiduch eine Vorexkursion nach Waldmünchen in der Nähe der Bayerisch-Tschechischen Grenze durch. Ziel dieser Unternehmung war es in Zusammenarbeit mit Schülern der Deutschen Schule Prag ausgesuchte Orte im Grenzgebiet während einiger Radtouren zu besuchen, die am Ende des zweiten Weltkrieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit zerstört und entvölkerte wurden. Während dieser Besuche war es ein großes Anliegen neben der Inaugenscheinnahme der Region auch Zeitzeugen zu interviewen und somit auch das Stimmungsbild der Menschen von damals und auch von heute festhalten zu können.

Am Donnerstag kamen die insgesamt 14 deutschen Schülerinnen und Schüler nach einer zweistündigen Zugfahrt um ca. 16.30 Uhr in Waldmünchen am Bahnhof an, wo sie bereits von den tschechischen Partnerschülern erwartet wurden. Der restliche Nachmittag und Abend diente dann dazu, dass sich die Schüler untereinander kennenlernten indem sie gemeinsam Volleyball oder später an einer gemeinsamen Tafelrunde Karten spielten. Dieses erste Beisammensein bekräftigte unser gesamtes Engagement und nachdem der Plan für den nächsten Tag detailliert feststand, gingen alle Schüler motiviert für den nächsten Tag schlafen.

Am Freitag unternahm die Gruppe von nun über 30 Personen eine gemeinsame Radtour nach Plöss. Dieser Ort umfasste vor dem Kriegsende über 300 Häuser, von denen heute nur noch die Grundmauern zu erahnen sind. Ein paar wenige neu gebaute Gebäude erinnern an das sich einst dort befindliche Dorf, das von 1946 bis 1950 dem Erdboden gleichgemacht worden war. Unsere Gruppe machte nach der über 25 km langen Hinfahrt im Wirtshaus Pleš Rast und genoss das landestypische Essen. Währenddessen war es ein paar Schülern auch möglich, den Zeitzeugen Antonin Hofmeister zu interviewen, der als Kind in genau diesem Ort aufgewachsen ist und sich auch heute noch im Alter von 80 Jahren mit der Geschichte der Grenzregion und der damaligen Vertreibung beschäftigt. Die von ihm beantworteten Fragen werden auch bei der weiteren Arbeit eine große Hilfe sein. Kurz bevor sich die Gruppe auf den Heimweg machte, trennte sich ein Teil des Teams von den Anderen, um noch kurz den Friedhof von Pleš zu besichtigen, von dem fast nur noch Trümmer original erhalten sind. Auf der Bügellohe kam man dann wieder zusammen, wo man den Ort in Augenschein nehmen konnte, an dem etliche Bewohner von Wenzelsdorf leider vergeblich auf die Rückkehrt gewartet haben. Durch Zufall trafen wir hier einen weiteren Zeitzeugen, Herrn Heinz Hüttel, der als Einjähriger auf die Bügellohe in das Haus seines Großvaters kam und auch heute noch die Überreste der Siedlung pflegt. Nach der Heimfahrt waren alle Schüler froh, sich noch ein bisschen zusammenzusetzen und zu plaudern oder Spiele zu spielen und dann nach der anstrengenden Tour, welche insgesamt 58 km und über 1000 Höhenmeter betrug, endlich ins Bett gehen zu dürfen.

Am Samstag beschlossen die Schüler und Lehrer, die Gruppe aufzuteilen, sodass drei Teilgruppen entstanden, die für diesen Tag unabhängig voneinander agieren konnten:

Die erste Gruppe besichtigte von 13.30 Uhr bis 17.00 Uhr mit dem Rad den Ort Grafenried, welches sich nördlich von Waldmünchen und auf der tschechischen Seite der Grenze befindet, wo uns zuerst von Helmut Roth eine Führung durch die Ausgrabungen der zerstörten Gebäude gegeben wurde. Hier durften wir etwa erfahren, wie die Grafenrieder Brauerei aussah und auch welche Häuser sonst noch einfach zerstört und nie wieder aufgebaut worden waren. Außerdem durften die Schüler dort einem Gedenkgottesdienst beiwohnen, der genau das Thema Vertreibung der damaligen Bewohner behandelte. Dieses Treffen wird seit sieben Jahren immer Ende April, Anfang Mai abgehalten und dient hauptsächlich den Menschen, die diese Erfahrungen selbst erleiden mussten. Vielen älteren Menschen bietet diese Veranstaltung die Möglichkeit, zum einen alte Bekannte wiederzutreffen und Geschichten auszutauschen und zum anderen auch neue Gesichter kennenzulernen. Nach einigen sehr aufschlussreichen Gesprächen mit Zeitzeugen, die zum Teil sehr emotional von ihren Erfahrungen erzählt haben und uns somit enorm informatives und einzigartiges Material geliefert haben, machte sich das Team auf den Rückweg und traf um ca. 18.00 Uhr in der Jugendbildungsstätte Waldmünchen ein.

 

Eine weitere Gruppe von fünf Schülern wurde nach kurzem Fußweg von der Bildungsstätte zum Altenstift von einer Pflegerin in einen dortigen Aufenthaltsraum gebracht, wo sie schon von sechs älteren Damen und Herren erwartet wurden. Trotz einigen anfänglichen Kontaktschwierigkeiten fanden die Jugendlichen dann doch noch die richtigen Fragen, die die Zeitzeugen in einen richtigen Redefluss brachten. Herr Richter erzählte beispielsweise 20 min lang, wie er damals in die Armee beordert wurde und mit 16 Jahren ohne militärische Ausbildung an die Ostfront geschickt und dort dann gefangen genommen worden war. Nach seiner Beschreibung der Umstände in diesen Lagern waren die Schüler alle sichtlich bewegt, denn es ist doch ein Unterschied, ob man im Geschichtsunterricht einen Artikel über die schlimmen Verhältnisse liest oder ob man so eine grausame Geschichte wirklich von einem ehemaligen Gefangen zu hören bekommt. Aber nicht nur die Herren versorgten sie mit Informationen, sondern auch die Damen waren mit großem Engagement dabei, ihre Erfahrungen aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren zu erzählen. Besonders tat sich der gute Ruf der Amerikaner hervor, die nach einer älteren Dame die Helden ihrer Kindheit waren, denn immer hatten sie einige Kleinigkeiten wie Schokolade oder Kaugummis für die Kinder dabei, was es während des Krieges nie gegeben hatte. Einstimmig wurde von allen Zeitzeugen die Meinung geteilt, dass die Russen mit ihrem Kommunismus das Schlimmste gewesen ist, was einem Menschen zu dieser Zeit hätte passieren können. Ähnliches galt für Adolf Hitler, welcher von ihnen allen abgrundtief verachtet wurde. Nachdem so eine Stunde sehr schnell vergangen war, deutete eine Pflegerin an, nun zum Ende zu kommen und so machten unsere Schüler zusammen mit den Zeitzeugen ein Erinnerungsfoto, bedankten und verabschiedeten sich und traten den Heimweg zur Jugendherberge an.

Die dritte Gruppe, bestehend aus vier deutschen Schülern und vier tschechischen Schülerinnen, steuerte am Sonntag die letzten zwei Ziele an, die für die Ortserkundungen des Seminars wichtig sind - nämlich den jüdischen Friedhof und das Schloss der Stadt Poběžovice, zwei besonders atmosphärische Orte, an denen die Geschichte der Grenzregion offensichtlich werden konnte. Die Gruppe startete um ca. 10 Uhr  unter der Leitung von Herrn Kufner mit dem Mountainbike. Außerdem wurde sie von der Mountainbike-AG von Herrn Schmeiduch begleitet. Die Hinfahrt auf abgelegenen Straßen und geschotterten Feldwegen verlief bis auf etliche Höhenmeter, die über den Herštejn (Hirschenstein) zurückgelegt werden mussten, ohne Probleme. Zuerst wurde der jüdische Friedhof näher in Augenschein genommen. Dieser wurde von den Deutschen im zweiten Weltkrieg geschändet und teilweise zerstört. Heute  ist er  von Pflanzen regelrecht überwuchert und ein fast schon mystischer Ort. Viele Grabsteine wurden wieder an ihrem ursprünglichen Platz aufgebaut, so dass man erkennen  kann, wie es dort früher ausgesehen haben muss. Danach kehrten alle zum Mittagessen in ein typisch tschechisches Restaurant ein. Des Weiteren wurde das Schloss von Poběžovice besichtigt, welches früher der Sitz der Reichsgrafen von Coudenhove-Kalergi war, einer schillernden Familie, die in unterschiedliche Weise Akzente gesetzt hat. Hier sei nur Richard von Coudenhove-Kalergi erwähnt, der als Gründer der Paneuropaunion schon 1923 eine europäische Einigungsbewegung ins Leben gerufen hatte. Der Rückweg führte über schöne Wege zurück zur Jugendbildungsstätte Waldmünchen. Das anschließende Grillen war ein gelungener Abschluss für die komplette Gruppe.

Am Sonntag gab es nach dem Frühstück noch eine kurze Präsentation der einzelnen Gruppenergebnisse, bei der auch die Medien ausgetauscht wurden. Anschließend wurden die Koffer gepackt und die Räder in das Marktmobil eingeladen. Danach ging es zu Fuß zum Bahnhof und von dort zurück nach Regensburg bzw. nach Prag.